Mit jeder Wehe wandert der Kopf weiter nach unten im Scheidenkanal, die Hebamme tastet des öfteren ab, wie weit der Kopf schon ist und fragt, ob Ina schon Pressdruck spüre, doch es dauert noch ein wenig.

Schließlich kommt auch der Pressdruck und »wir« versuchen mit den Wehen mitzupressen, begleitet von lautstarkem Schreien, doch es scheint noch ein bißchen zu früh zu sein, meint auch der hinzugezogene Arzt. Also sollen die nächsten paar Wehen veratmet werden, dann erfolgt wieder ein Pressversuch und wieder ein paar veratmete Wehen.

Der Zeiger geht über Mittag, ich sehe das letzte mal auf die Uhr, nun wird mit jeder Wehe mitgepresst, ich halte die Beine hoch, die Hebamme tastet, der Arzt drückt schließlich, bei den letzten Wehen, mit voller Kraft mit und der Junior-Arzt steht wortlos und bleich mit den Händen in den Hosensäcken daneben und macht große Augen. Bald kann ich schon ein paar Haare auf der Kopfhaut des Kindes erkennen, der Arzt fragt, ob wir wüßten, was es denn werde: Ja, eine Tochter!

Die Hebamme holt die Schere, was mir einen leichten Stich in den Magen gibt, Ina protestiert leicht, doch ich habe das Gefühl, es kann sich so gar nicht ausgehen – und dann kommt schon die nächste Wehe. Die Hebamme schneidet nach rechts unten, Ina presst mit aller Kraft, der Kopf wölbt sich heraus, Sekunden später ist der ganze Kopf heraussen, Ina und der Arzt pressen noch einmal mit aller Kraft und mit einem Flutsch ist das restliche Kind geboren – die Nabelschnur trägt es lässig in der Armbeuge.

Tja, und da fällt mir etwas auf und der Arzt meint im selben Augenblick: »Na, diese Tochter sieht mir aber sehr nach einem Sohn aus!«. Ina denkt er mache eine Scherz, doch zweifelsohne, das ist kein Mädchen. Da hat sich jemand geschickt durch alle Ultraschalluntersuchungen geschummelt und die Vermutungsdiagnose widerlegt – ein störrischer Stier.

Die Hebamme saugt ein bißchen Fruchtwasser aus Nase und Mund, während ich Ina umarme und küsse, und dann legt sie den Kleinen, der uns mit lautem Schreien begrüßt, mit einem Handtuch zugedeckt auf Inas Bauch. Noch ist er sehr blau, aber schon nach ein paar Minuten, in denen wir ihn andächtig betrachten, bekommt er eine schön rosige Farbe. Und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass so ein vollständiger Mensch, mit allem drum und dran, in diesem Bauch entstehen und Platz finden konnte.

Irgendwann in der folgenden Stunde wird er abgenabelt, ich kann die Nabelschnur durchschneiden, die Plazenta »pflutscht« heraus und wird abgetupft, sodaß die Hebamme dem Junior-Arzt erklären kann wie das alles aussieht und -sehen soll. Der Kleine wird gewaschen und angezogen und ich halte ihn auf dem Arm, während Ina genäht wird. Dann darf er zurück auf ihren Bauch und ich denke mir: »Aaron wäre doch schön, oder?«. Ein paar Minuten später meint Ina: »Was hältst du denn von Aaron?«.

So wurde aus (dem vermeintlichen Mädchen) Woodstock innerhalb einer Stunde der kleine Aaron, der nun schon drei ganze Tage bei uns zu Hause wohnt – und den beginnenden Sommer mit uns genießt.

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